Regionale Wirtschaft
15.10.2005 01:08
Aus Liebe zu Opas Pantoffeln
Filzhausschuhe aus dem Erzgebirge kommen in allen Generationen an
Es heißt, der Geruchssinn sei die Empfindung mit der größten Nachhaltigkeit. Weil das so ist, ruft die Seidel-Werkstatt in Sehmatal-Cranzahl bei älteren Besuchern die Erinnerung an den Schuster um die Ecke wach, der früher über dem Leisten gebeugt saß und Absatzflecken aufnagelte oder an der Schleifmaschine Sohlenränder verputzte. Über allem schwebte der Geruch von Leim – genau wie in der erzgebirgischen Manufaktur.
Manfred Seidel ist kein gelernter Schuhmacher und verarbeitet (fast) kein Leder, aber seine Fußbekleidung ist bei einem wachsenden Kundenkreis begehrt. Sein Werkstoff ist vor allem Filz, dazu Schafwolle, Pappe und Gummi. In wenigen Arbeitsgängen werden daraus Pantoffeln und Hausschuhe, die sich neben weicher Hülle und hoher Wärmehaltung durch gute Feuchtigkeitsregulierung auszeichnen, sprich: den aufgenommenen Fußschweiß schnell wieder abgeben, wie der Handwerker erläutert.

Lange Tradition
Früher war die Filzschuhmacherei im Erzgebirge weit verbreitet. Heute ist Seidels Werkstatt eine der Letzten ihrer Art, die Filzherstellung selber ist in der Region ausgestorben. Dabei war der 1927 vom Großvater gegründete Betrieb schon einmal stillgelegt, als Vater Seidel 1970 in den Ruhestand ging. Von ihm, einem Meister seines Fachs, hat sich der jetzige Inhaber nach der Wende alles angeeignet. „Was sollten wir denn sonst machen? Hier in der Gegend sind doch die meisten arbeitslos geworden“, erzählt der gelernte Maurer. Bis zu seinem Tod 1998 arbeitete der Vater noch mit, dann stieg Manfreds Bruder Bernd ein.
„Ohne ihn wäre ich aufgeschmissen“, gibt es ein brüderliches Lob für die technischen Fertigkeiten von Bernd Seidel, der einst als Zerspaner gearbeitet hat. Er hält die geerbten beziehungsweise nach der Wende für wenig Geld von aufgelösten Betrieben gekauften Maschinen in Schuss und probiert die eine oder andere Neuerung. Früher wurden die Filzsohlen mit kleinen Nägeln befestigt, die natürlich nach einer gewissen Zeit in den Fuß piekten. Heute wird alles geklebt: Wollfutter auf Pappeinlage, Pappeinlage in Filzkörper, Filz- oder Gummisohle auf Zwischensohle... „Es ist keine Kunst, bloß Arbeit“, sagt Manfred Seidel in typisch erzgebirgischer Bescheidenheit. Und mit Blick auf die kalte Jahreszeit hat die Arbeit derzeit Hochsaison, während es manches Dreivierteljahr eher ruhig zugeht.
Das Stanzen der aus einem Stück bestehenden Schuh-Grundform, das Ausformen auf dem Leisten und das Besohlen durch Kleben und Pressen sind Männersache; die für Seidel-Filzlatschen typische grüne Randborte sowie den der Haltbarkeit dienenden Lederstreifen an der Hausschuh-Ferse nähen die Frauen der Familie an. Dafür müssen pro Jahr „paar tausend“ Filz-Rohlinge lediglich übern Flur des Hauses und zurück getragen werden.

Hand in Hand mit dem Handel
Die Seidels machen morgen wieder mit beim 6. Tag des traditionellen Handwerks im Erzgebirge, bei dem Besucher zahlreichen Meistern ihres Faches über die Schulter schauen und typische regionale Produkte erwerben können. Diese Art Betriebsverkauf ist für Manfred Seidel die Ausnahme. Er vertreibt seine Schuhe sonst über Fachgeschäfte, „weil wir dem Handel nicht das Wasser abgraben wollen“, wie er sagt.
Zunehmende Bedeutung gewinne das Internet, wobei gut die Hälfte der Bestellungen aus dem Westen komme. Serienmäßig gefertigt werden die Größen 24 bis 48 – wie eh und je in Grau und Schwarz ohne modischen Schnickschnack. Erstaunlicherweise würden das gerade ältere Damen bemängeln. „Kalte Fiss ham ähm a junge Leit“, freut sich Bernd Seidel über das generationsübergreifende Interesse an den Pantinen. Als Sonderanfertigung gehören auch Museumspantoffeln zum Sortiment, die das Parkett von Prunkräumen in Portugal oder im ZDF-Fernsehschloss Schwanstein polieren.
 
Von Carola Benz