Porträt

Die Pantoffelhelden aus dem Sehmatal

Wenn der Nikolaus sich fürchtet, bei der Arbeit morgen Nacht kalte Füße zu bekommen, sollte er vorher mal im Sehmatal vorbeischauen. Denn dort fertigen Bernd (47) und Manfred (52) Seidel in Handarbeit Filzlatschen und mollig warme Walker an.

"Falls unser alter Herr vom Himmel herab auf uns schaut, ist er sicher zufrieden", meint Manfred Seidel und geht aus seinem Elternhaus, in dem er wohnt, hinauf in die Pantoffelmanufaktur. Vorbei an der ehemaligen winzigen Werkstatt des Vaters. Und der Sohn muss schmunzeln, wenn er daran zurückdenkt, wie oft sein Bruder Bernd und er das Familienoberhaupt baten, endlich die alten Maschinen wegzuwerfen, weil das Pantoffelgewerbe nicht mehr die Butter aufs Brot bringt. "Aber Vater wiegelte immer ab und bestimmte, dass, so lange er lebt, die Maschinen im Haus bleiben." Heute sind die Söhne froh über das damalige Machtwort und über die väterliche Vorahnung, dass vielleicht doch irgendwann mal wieder die Filzpantoffeln gefragt sind. Zu sehr hing der Sachse mit dem Herzen an der Tradition, die genau vor 75 Jahren begann ...

1927 fing Schuhmacher Martin Seidel in der Erzgebirgsgemeinde Sehmatal an, Filzschuhe herzustellen. Nicht ins Serie, sondern hin und wieder für seine Stammkunden, die Schuhe zum Reparieren brachten. "Besonders die hohen Filzschuhe sind schön warm. Deshalb wurden sie von den Leuten sogar auf der Straße getragen", weiß Manfred Seidel. Sein Vater Erich übernahm 1949 die Schuhmacherei und die Filzschuhtradition. Ihr haftete aber im Laufe der Jahre ein Arme-Leute-Image an. In den 70ern wollten die Kunden nur noch Kunstoff-Hausschuhe mit viel Plüsch und angegossener Sohle. Schick und modern sollten sie aussehen. Dafür nahm man auch Unbequemlichkeit in Kauf. Verbittert darüber suchte sich Erich Seidel eine andere Arbeit. Doch nach Feierabend blieb der leidenschaftliche Schuster unbeirrt bei seinen Leisten. Seine beiden Söhne steckten nur hin und wieder den Kopf in die Werkstatt und schüttelten diesen über die Sturheit des Vaters. Aber in der Weihnachtszeit gingen sie ihm mit zur Hand, weil treue Stammkunden wieder Filzschuhe aus dem Sehmatal haben wollten.

Da nach der Wende sächsische Hausschuhfabriken reihenweise zumachen mussten, nutzten Seidels ihre Chance und holten in der Weihnachtssaison 1992 die Werkstatt aus dem Dornröschenschlaf. Besonders westdeutsche Erzgebirgsurlauber kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus ("Ach, diese Filzschuhe gab's bei uns früher auch"), wenn sie Urgestein Erich beim Arbeiten über die Schulter schauen durften. Und als er mit 79 Jahren 1998 starb, traten die Söhne in seine Fußstapfen. Nun verlassen Tausende Filzschuhe pro Jahr die inzwischen neue Manufaktur. Neu sind nur die Räume, ansonsten werden die Schuhe in den Größen 23 bis 48 nach alter Tradition in zwölf bis 15 Arbeitsgängen per Hand gefertigt. Ein Paar Pantoffeln kostet etwa 15 Euro, das Paar Walker ist ab zirka 20 Euro zu haben. "Dafür bekommt man atmungsaktive, hautfreundliche, federleichte und haltbare Hausschuhe", wirbt Manfred Seidel. Und weil er die Vorteile schätzt, trägt er selbst natürlich auch Schuhe aus dem Hause Seidel.

Kontakt: www.filzhausschuh.de oder Telefon 03 73 42 / 82 56

Thomas Gillmeister, 4. Dezember 2002