Freie Presse - Lokalredaktion Annaberg

Cranzahler sorgen tausendfach für warme Füße

Familienbetrieb Seidel stellt Hausschuhe und Pantoffeln aus Filz her - Abnehmer weit verstreut

Cranzahl. Eine 100 Jahre alte Stanze im Vorgarten und die großen Stoffrollen im Hausflur verraten es schon: Hinter diesen Cranzahler Mauern verbirgt sich etwas Besonderes. Wenige Schritte weiter wird schnell klar, was das ist. In einem Regal reiht sich Pantoffel an Pantoffel. Gefertigt werden die guten Stücke in dem kleinen Betrieb der Familie Seidel allesamt aus Filz. Ein Handwerk, dem im Erzgebirge nur noch wenige nachgehen.

Wie viele Paar Schuhe im Jahr die Werkstatt verlassen, kann Manfred Seidel gar nicht genau sagen. "Aber es sind schon einige tausend", fügt er hinzu. Neben Pantoffeln zählen halbhohe und knöchelhohe Walker zum Standardsortiment. "Solche hatten die Leute früher sogar auf der Straße an. Das ging damals auch im Winter, weil ja nicht gesalzen wurde. Auf festem Schnee ließ sich darin prima laufen", erzählt der 58-Jährige, der das Unternehmen mit seinem Bruder Bernd und dessen Frau Andrea betreibt.

Cranzahler Werkstatt von Bernd und Manfred Seidel

Blick in die Cranzahler Werkstatt von Bernd und Manfred Seidel (v. l.): Dort werden Jahr für Jahr tausende Paar Filzschuhe hergestellt. Begonnen hatte damit schon Großvater Martin Seidel im Jahr 1927.

Foto: Brigitte Streek

Häufiger Gast: Papagei Rudi

Bis ein Paar Filzschuhe fertig im Regal steht, sind zirka 15 Arbeitsschritte nötig. Dazu zählt etwa das Ausstanzen der nötigen Formen aus dem Gewebe und das Anlegen von Nähten, bevor der Rohling auf einen Leisten gezogen und in Form gebracht wird. Die Sohlen werden mittels Heißleim und einer Pressmaschine befestigt. Außerdem ziert ein Abschlussband den Rand von Pantoffeln und Co. - Andrea Seidel bringt es mit geschickten Handgriffen an der Nähmaschine an. Oft schaut ihr dabei ein ungewöhnlicher Gast über die Schulter. Dann ist Papagei Rudi mit von der Partie. "Er mag nicht gern allein sein", sagt seine Besitzerin.

Schwierige Lage in DDR-Zeiten

Filzschuhe haben laut Manfred Seidel mehrere Vorteile. "Sie wärmen sehr gut, aber man schwitzt nicht darin", erzählt der Erzgebirger. Das liege an der Schafwolle, aus der das Gewebe zumindest zum Großteil besteht. Diese wird angefeuchtet und bei gleichzeitiger Wärmezufuhr gewalkt - also verdichtet. Daher rührt auch der Name Walker. "Es ist gar nicht einfach, einen gleichmäßig guten Filz herzustellen", erläutert der Cranzahler. Heute erhält das Unternehmen diesen auf etwa zwei Meter großen Rollen aus Fabriken in Wurzen und Hof.

Zu DDR-Zeiten war es schier unmöglich geworden, genügend Filz zu bekommen. Deshalb musste Erich Seidel das Gewerbe in den 1970er Jahren abmelden, es lohnte sich für den Vater von Manfred und Bernd Seidel nicht mehr. Und das nach fast 50Jahren Herstellung von Filzschuhen - denn angefangen hatte alles schon 1927, als Großvater Martin Seidel die ersten Exemplare anfertigte.

Wende bringt Wende

"Das wir das auch einmal machen, hätten wir nie gedacht", meinen die beiden heutigen Inhaber des Betriebes, die andere Berufe erlernt haben. Doch mit der Wende kam zunächst für Manfred Seidel die Arbeitslosigkeit. Da hat sich der damals 41-Jährige des alten Handwerks angenommen. Sein Vater brachte ihm alle nötigen Tricks und Kniffe bei. Der Schuhmacher selbst arbeitete bis ins hohe Alter von 85Jahren mit. Schließlich stieg 1998 auch Bruder Bernd in das Geschäft ein, das heute unter anderem zahlreiche Touristen in die Cranzahler Werkstatt lockt.

Pantoffeln und Co. werden von dort aus vor allem an Handel und Großhandel geliefert. Doch seitdem die Seidels eine Internetseite betreiben, gehen zudem zahlreiche Pakete auf die Reise. "Wir verschicken sie in alle Regionen Deutschlands sowie nach Österreich und in die Schweiz", berichtet Manfred Seidel. Da seien die Cranzahler Filzschuhe sehr beliebt.

Von Annett Honscha

Erschienen am 16.06.2009